Montag, 11. Februar 2013

Es lief mir heiß und kalt den Buckel runter.

Als ich nämlich in den letzten Tagen in der Tageszeitung eine Notiz aus dem Polizeibericht las.
Eine Frau war dafür angezeigt worden, einen Fahrer auf der Landstraße am Überholen gehindert und ihm dann den Stinkefinger gezeigt zu haben.

Ich bin mir relativ sicher, das noch nie getan zu haben. Warum also die Temperaturschwankungen auf meinem Rücken? Weil ich es hundertmal gedacht habe. Dass ich einem aggressiven Autofahrer, der mir im Kofferraum hängt, gern den Stinkefinger zeigen würde. Dass ich ihn gern am Überholen hindern würde, wenn ich eh schon siebenundneunzigkommaacht fahre und genau weiß, dass er jetzt mit 120 vorbeibrettert und dass solche Geschwindigkeitsbeschränkungen einen Sinn haben. Ich freue mich auf die Fahrradsaison, wenn ich das Auto wieder stehen lassen und fast alles auf zwei Rädern erledigen kann (ok, Baumarktbesuche evtl. ausgeschlossen). Da hat man weniger Probleme mit sowas.
Natürlich muss die Dame aus der Anzeige keinen aggressiven Kofferraumkriecher hinter sich gehabt haben. Vielleicht hat sie einen schlechten Tag gehabt. Vielleicht kannten sich die beiden sogar und stecken mitten in einer Art "Rosenkrieg". Sie so: Finger, Er so: Anzeige. Was weiß ich. Genau so, wie es übrigens 100 bis unendlich viele Gründe dafür geben kann, weshalb jemand "zu langsam" fährt.
(Blase voll. Schreiende Frau mit Wehen auf der Beifahrerseite. Torte auf der Beifahrerseite, Haube nicht gefunden. Übermüdet, aber keine andere Gelegenheit, nach Hause ins Bett zu kommen. Unterzuckert. Die Kombination Bandscheibe/Schlaglöcher. Ablenkende Kinder auf dem Rücksitz. Panische Oma auf dem Beifahrersitz, die Attacken kriegt wenn man schneller fährt als ne Droschke, die aber unbedingt zum Arzt musste. Undsoweiter.)

Dann hab ich in der Folge darüber nachgedacht, was in so einem Fall (also wenn einem jemand auf gefährliche Weise im Kofferaum steckt) die richtige Reaktion wäre. Wann immer das passiert und es gibt einen Rastplatz am Rand, ist es keine Frage: rausfahren, den Typen vorbeilassen und hinterher nicht mehr ärgern. Das hilft mir in dem Moment, aber der Typ lernt nichts davon. Dem ist seine Aggression vielleicht nicht mal bewusst oder er fühlt sich im Recht. Dem hat sein Fahrschullehrer nicht beigebracht, dass ein Auto ein Mordinstrument sein kann.
Hier gibt es - ich erwähnte es bereits bei anderer Gelegenheit - sehr viele sehr aggressive Autofahrer. Fährt man nach Hessen rüber: alle brav. Hier so, auf der bayerisch-thüringischen Seite: Kamikaze. Das ist also, wenn man beruflich täglich mit dem Auto unterwegs ist, nicht ne Frage, die man sich einmal im Monat stellt, sondern eher so dreimal täglich, wenn's reicht.
Unzählige Kreuze, Blumen und Kränze am Rand aller Landstraßen im engeren Umkreis sprechen davon, dass die Gefahr real ist und nicht eingebildet. Dazu kommt, dass die Rhön sowohl geographisch (Hügel, Täler, Wald) als auch seitens der Infrastruktur (viele kleine Dörfer, viele aneinandergereihte Kurven, unübersichtliche Straßen) nichts für Sissies ist.Und es springt ja zusätzlich, der gemeine Berliner mag bass erstaunt sein, noch allerlei Getier auf den Straßen herum. Vollbremsung nie ausgeschlossen. Man kann hier nicht einfach durch die Gegend fahren, ohne ständig mit nem Reh zu rechnen.
Was also tun? Jeden Autofahrer, der sich verkehrsgefährdend verhält, anzeigen? Da sitzt man dann häufiger  auf der PI als auf dem Klo. Einfach ignorieren? Auf Dauer nicht gut für die Nerven (ich hab nicht so besonders gute).
"Beten" ist in so einer Situation aus mehreren Gründen sicher nicht falsch. Vielleicht sollte ich das mal häufiger tun... theoretisch könnte das a) dem Kofferraumkriecher b) meinen Aggressionen und c) meiner Einstellung zum Menschen an sich helfen. Gerade letztere ist in letzter Zeit arg in Richtung Ungeduld gekippt. Das will ich nicht unbedingt zelebrieren oder zementieren. Lieber wieder ein bisschen ruhiger werden... ist auch gesünder.

Kommentare:

  1. Oh- ha! Dieser Ärger über Drängler und Kamikaze-Überholer(und es ist ja nicht nur Ärger, es spielt ja auch eine gehörige Portion Angst mit) ist mir sehr bekannt. Nun bin ich ja schon ein paar (23!!) Jahre aus der Rhön weg- aber damals war das dort fast kein Probblem, was ich auf die Gegebenheiten geschoben habe (Hügel plus Kurven = nix-sehen können = nicht-überholen-können), und ich fand's hier sehr viel schlimmer.
    Offenbar hat sich das geändert.
    Hier gibt es aber, gerade jetzt winters, auch das genaue Gegenteil: DIE FahrerInnen, die sich beim geringsten Anschein davon, daß vielleicht übermorgen eine Schneeflocke fallen KÖNNTE, höchstens noch 60 fahren und natürlich in jeder Kurve auf 30 runterBREMSEN. Bei denen kann ich dann, grad wenn ich als erste in der schnell anwachsenden Schlange dahinter bin, zum üblen Agressor werden (allerdings NICHT zum Drängler oder kamikaze-Überholer, immerhin ;-)) Da frage ich mich dann: warum, zur Hölle, fahren denn DIE nicht mal eben auf ne Bushalte oder einen Parkplatz und lassen alle anderen vorbei????
    Nuja, hülft nüscht- und mein Magengeschwür bekommt neue Nahrung, denn das mit der Ruhe- das gelingt mir so garnicht...
    Dir aber viel Erfolg beim üben ;-)

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  2. Das ist jetzt kein Ossibashing oder so, ich bin heilfroh dass es die DDR nicht mehr gibt, aber es ist definitiv gefährlicher geworden, seit die Grenze offen ist (*rechnet nach* das ist jetzt erschreckend akkurat mit deinen 23 Jahren :-P). Einfach ne Tatsache.
    Früher war es in der Tat wesentlich harmloser auf Rhöner Straßen...

    Ich gehöre übrigens NICHT zu den Leuten, die auf 30 runterbremsen etc. ;) Aber ich weiß von mir, dass ich nachts nicht ordentlich sehe und deswegen eher 50 oder 60 auf der Landstraße fahren würde, vor allem, wenn es noch regnet. Nun bin ich aber in der glücklichen Lage, einen guten Autofahrer an meiner Seite zu haben und verzichte schlicht und ergreifend auf Nachtfahrten.

    Und so Schleicher nerven natürlich und halten auch manchmal auf, aber immerhin fühle ich mich durch die nicht zusätzlich gefährdet.

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  3. Zeitweise schon- erstens durch akut steigende Herzinfarktgefahr wegen heftig steigenden Blutdrucks ob des Ärgers ;-) aber zweitens, weil diese Sorte Kriecher immer mal weniger engelsgleich beherrschte FahrerInnen als mich verleiten, an unübersichtlichen Stellen eben mal 4 bis 5 Autos gleichzeitig zu überholen. Da hatte ich schon Situationen, wo es um Haaresbreite an üblen LKW-Unfällen vorbeigegangen ist....

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  4. *lach*
    Man darf sich halt nicht verleiten lassen. Genau das ist doch der Punkt. Nur weil andere sich idiotisch benehmen, darf man nicht selbst in Versuchung kommen, es ihnen nachzumachen ;)

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